Recap Nachhaltigkeitstag: Nachhaltigkeit wird zur Gemeinschaftsaufgabe
Nachhaltigkeit im Verpackungsmaschinenbau wird zunehmend zur Frage von Daten, Materialien, Prozessen und wirtschaftlicher Umsetzbarkeit. Genau dieser Spannungsbogen stand im Mittelpunkt des Packaging Valley Nachhaltigkeitstags 2026, der am 28. Juli an der Hochschule der Medien in Stuttgart stattfand. Vertreterinnen und Vertreter aus Industrie, Forschung und Maschinenbau diskutierten gemeinsam, wie Nachhaltigkeit zwischen Regulierung, technologischer Machbarkeit und wirtschaftlicher Realität gestaltet werden kann.
Kompakt und praxisnah boten die Vorträge Einblicke in Themen von nachhaltigen Materialien über Maschinen- und Prozessanforderungen bis hin zu Datenökonomie und strategischen Geschäftsfragen.
Bereits die Vorträge am Vormittag machten deutlich: Die Herausforderungen sind vielfältig, die Zusammenhänge komplex – einfache Antworten gibt es selten. Stattdessen wurde deutlich, dass nachhaltige Verpackungslösungen nur dann erfolgreich sein können, wenn Materialentwicklung, Maschinenbau, Datenmanagement und Geschäftsmodelle gemeinsam gedacht werden.
Den Auftakt bildete Prof. Michael Herrenbauer (Hochschule der Medien) mit einem Blick auf den Materialwandel in der Verpackung. Im Fokus standen die wachsende Bedeutung faserbasierter Lösungen sowie die Frage, welche technischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen notwendig sind, um neue Materialien erfolgreich in die industrielle Praxis zu überführen.
Im Anschluss zeigte Uwe Melichar (touch Design) eindrucksvoll, warum Nachhaltigkeit ohne Kontext schnell zu Fehlentscheidungen führen kann. Verpackungen lassen sich nicht isoliert bewerten. Erst das Zusammenspiel von Produktschutz, Materialeinsatz, Logistik, Recyclingfähigkeit und Verbraucherverhalten ermöglicht eine ganzheitliche Betrachtung. Mit dabei waren spannende Beispiele bekannter Brands.
Reinhold Schlechter (Schneider Electric) beleuchtete anschließend die Herausforderungen, die neue Verpackungsmaterialien für Maschinenbauer mit sich bringen. Deutlich wurde: Materialinnovation und Maschinenentwicklung müssen künftig wesentlich enger zusammenspielen, um die Anforderungen der Märkte und Regulatorik gleichermaßen erfüllen zu können.
Mit der Perspektive der Pharmaindustrie zeigte Michael Gensheimer (Rotzinger Pharmapack), welche Anforderungen nachhaltige Verpackungslösungen für sensible Anwendungen erfüllen müssen. Er führte am Beispiel eines Kundenprojektes sehr bildlich vor wie sich Nachhaltigkeitsanforderungen durch Marktvorgaben entwickeln können.
Ein weiterer roter Faden des Tages war die zunehmende Bedeutung von Daten. Immer wieder wurde deutlich, dass viele Nachhaltigkeitsziele nicht an fehlenden Technologien scheitern, sondern an mangelnder Datenverfügbarkeit, fehlender Vergleichbarkeit und fehlenden Standards entlang der Wertschöpfungskette.
Besonders greifbar wurde dies im Vortrag von Alessandro Grizzetti (SMC Schweiz) und Prof. Dr.-Ing. Hans Wernher van de Venn (EIRAS) zum Thema „Nachhaltigkeit ohne digitale Zwillinge ist eine Illusion“. Hier wurde aufgezeigt, dass Transparenz, Rückverfolgbarkeit und Kreislauffähigkeit künftig nur mit einer durchgängigen und standardisierten Datengrundlage realisierbar sein werden. Digitale Zwillinge entwickeln sich damit von einer technologischen Vision zu einer zentralen Voraussetzung für belastbare Nachhaltigkeitsnachweise.
Mit dem Beitrag „Nachhaltigkeit wird zur Datenfrage“ von Haiko Krais (Harro Höfliger) und Etienne Graf (Packaging Valley) rückte zudem eine Entwicklung in den Fokus, die viele Unternehmen im Verpackungsmaschinenbau aktuell beschäftigt: Nachhaltigkeitsdaten werden zunehmend zum relevanten Austauschgut entlang der Wertschöpfungskette. Die Herausforderung besteht dabei nicht nur darin, Daten zu erfassen, sondern sie zwischen Unternehmen, Systemen und Prozessen valide und vergleichbar zu machen. Erst dadurch entstehen die Grundlagen für Automatisierung, Transparenz und neue digitale Geschäftsmodelle.
Abschließend zeigte Dr. Daniel Bornemann in seiner Keynote zum Thema "Nachhaltigkeit im Verpackungsmaschinenbau: Kostenfaktor oder Wettbewerbsvorteil?", dass dieses Thema neben volatilen Kosten und bestehenden Überkapazitäten weiterhin zu den zentralen Herausforderungen der Verpackungsindustrie zählt. Während Nachhaltigkeit für Hersteller von Verpackungsmaterial längst zum festen Bestandteil ihrer Strategien geworden ist, bleibt die wirtschaftliche Verwertung entsprechender Maßnahmen häufig eine Herausforderung. Im Fokus des Vortrags standen die Auswirkungen auf den Maschinenbau: Welche Anforderungen ergeben sich aus den steigenden Nachhaltigkeitsansprüchen? Welche Kriterien sind für zukunftsfähige Maschinenkonzepte entscheidend? Und vor allem: Wie kann Nachhaltigkeit nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich erfolgreich gestaltet und monetarisiert werden? Die Diskussion machte deutlich, dass Nachhaltigkeit zunehmend zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor für die gesamte Branche wird.
Workshops: Lösungen entstehen im Dialog
Ein besonderes Highlight des Nachhaltigkeitstags waren die interaktiven Workshops. Statt Frontalvorträge bot das Format vielmehr Raum für den direkten Austausch zu konkreten Herausforderungen aus der Praxis.
Im Workshop „Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit – Widerspruch oder Wettbewerbsvorteil?“ diskutierte Haiko Krais (Harro Höfliger) gemeinsam mit den Teilnehmenden die Frage, wie Nachhaltigkeit unter den aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bewertet werden muss. Im Fokus standen Zielkonflikte zwischen ökologischen Anforderungen, Investitionsentscheidungen und Marktanforderungen. Die Diskussion zeigte, dass Nachhaltigkeit langfristig nur dann erfolgreich sein kann, wenn ökologische Wirkung und wirtschaftlicher Nutzen gemeinsam betrachtet werden.
Im Workshop „PPWR-konforme Produktentwicklung und Verarbeitung neuer Materialien“ zeigten Dr. Christiane Otto und Jonas Peter (Fraunhofer IVV), wie neue Verpackungsmaterialien systematisch bewertet, Prozessfenster definiert und stabile Produktionsprozesse abgesichert werden können. Gemeinsam mit den Teilnehmenden wurden aktuelle Herausforderungen aus Entwicklung und Produktion diskutiert und mit Erkenntnissen aus der Forschung verknüpft. Dabei wurde deutlich, dass erfolgreiche Nachhaltigkeit nicht allein von neuen Materialien abhängt, sondern ebenso von deren industrieller Verarbeitbarkeit.
Im Workshop zum Product Carbon Footprint (PCF) von Johanna Meier (Fraunhofer IRB) diskutierten die Teilnehmenden, wie CO₂-Daten künftig effizienter erhoben, verarbeitet und entlang der Lieferkette nutzbar gemacht werden können. Schnell wurde deutlich, dass die technische Berechnung oft nicht die größte Hürde darstellt. Die eigentliche Herausforderung liegt in der Verfügbarkeit, Qualität und Austauschbarkeit der zugrunde liegenden Daten.
Das Institut für Naturstoffverarbeitung (HdM) brachte mit Sven Schneider, Viktor Hahnemann und Paul Schickel eine weitere praxisnahe Perspektive ein. Im Fokus standen faserbasierte Werkstoffe, naturstoffbasierte Materialansätze und deren Potenzial für zukünftige Verpackungslösungen. Der Workshop machte deutlich, dass neue Materialien nicht nur ökologisch überzeugen müssen, sondern auch industriell verarbeitbar, skalierbar und wirtschaftlich anschlussfähig sein müssen.
Die Workshops zeigten eindrucksvoll, dass viele Unternehmen derzeit vor vergleichbaren Herausforderungen stehen. Gleichzeitig wurde deutlich, wie groß das Potenzial gemeinsamer Lösungsansätze innerhalb des Netzwerks ist.
Nachhaltigkeit wird zur Gemeinschaftsaufgabe
Eine zentrale Erkenntnis des Tages: Nachhaltigkeit lässt sich nicht isoliert innerhalb einzelner Unternehmen lösen. Themen wie Kreislaufwirtschaft, Digitale Produktpässe, ESG-Daten oder neue Materialkonzepte betreffen die gesamte Wertschöpfungskette.
Genau hier liegt die Stärke im offenen Austausch zwischen Maschinenbauern, Komponentenherstellern, Anwendern, Forschungseinrichtungen und Lösungsanbietern. Dieser ermöglicht Perspektiven, die weit über die Grenzen einzelner Unternehmen hinausgehen.
Der Packaging Valley Nachhaltigkeitstag 2026 hat gezeigt: Nachhaltigkeit wird künftig kein reines Compliance-Thema bleiben. Sie entwickelt sich zunehmend zu einer strategischen Frage von Wettbewerbsfähigkeit, Innovationsfähigkeit und Datenkompetenz.
Oder anders formuliert: Nachhaltigkeit ist kein Kostenfaktor der Zukunft, sondern ein maßgebender Innovations- und Wettbewerbsfaktor. Unternehmen, die Materialien, Prozesse und Daten intelligent verbinden, werden die Gewinner des nächsten Jahrzehnts sein.